Schiedsrichter Gregor Demmer
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Vereinstalk #6 – Was man als Schiedsrichter fürs Leben lernt

Immer weniger Menschen sind bereit, Schiedsrichter zu werden und in ihrer Freizeit Spiele zu leiten. Dabei eignet man sich dabei viele positive Charaktereigenschaften an und lernt Dinge fürs Leben und die Berufswelt, wie Vereinsticket (Mit-) Erfinder Gregor Demmer berichtet.

Interview mit Total Fansports Geschäftsführer und Fußball-Schiedsrichter Gregor Demmer

Hallo Gregor. Du bist ja nicht “nur” Total Fansports Geschäftsführer und damit für Vereinsticket verantwortlich. Du bist auch Fußball-Schiedsrichter. Seit wann gehst du diesem Hobby nach und für welchen Verein bist du aktiv?

Ich habe meinen Anwärterlehrgang Ende 2010 in Edenkoben absolviert und habe auch kurz danach mein erstes Spiel geleitet. Seit der ersten Stunde pfeife ich für den FSV Trier-Tarforst.

Gregor

Wie oft leitest du Spiele und in welchen Ligen bist du zu sehen?

Pro Saison komme ich so auf 25 bis 30 Spiele. In Corona-Zeiten waren es leider weniger. Kurz vor Corona habe ich meine ersten Spiele in der Verbandsliga (Rheinlandliga) gepfiffen. Hin und wieder bin ich auch als Assistent in der Oberliga dabei.

Gregor

Wie genau bist du auf die Idee gekommen, Schiedsrichter zu werden?

Ich hatte es erst gar nicht auf dem Schirm, bis Freunde von mir, die richtig gute Kicker waren, irgendwann mal den Satz haben fallen lassen, dass ich von meiner Persönlichkeit bestimmt ‘nen guter Schiri wäre. Mir hat der Gedanke gefallen, weil ich mir das direkt gut vorstellen konnte. Ich mag es, Verantwortung zu übernehmen und mittendrin zu sein. Dann habe ich mich mal schlaugemacht, was man dafür tun muss und da war die Anmeldung für den Anwärterlehrgang auch schnell rausgeschickt.

Gregor

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um Spiele zu leiten?

Rein formal muss man ein Mindestalter, in der Regel 12 beziehungsweise 14 Jahre, erfüllen und einen Anwärterlehrgang samt Prüfung absolvieren. Der dauert in der Regel ein Wochenende oder verteilt sich auf mehrere Abende. In manchen Verbänden kommen noch Praxisübungen hinzu.

Über das Formale hinaus sollte man natürlich einen Bezug zum Fußball haben. Das bedeutet nicht, dass man zwingend gespielt haben muss, aber ein Verständnis für die Abläufe und Emotionen auf dem Feld sind absolut von Vorteil. Ich selbst habe nie wirklich professionell gespielt, geschweige denn es in höhere Ligen geschafft – das braucht es aber auch nicht zwingend.

Einer der wichtigsten Punkte ist wohl die richtige Einstellung. Wenn man ein Händchen dafür hat, Initiative zu ergreifen und Entscheidungen zu treffen, dann ist das sehr gut. Ich habe beobachtet, dass insbesondere Menschen, die auch im privaten Umfeld gerne die Initiative ergreifen, oftmals gut für den Job geeignet sind. Wer also gerne Urlaube plant oder sonst Aufgaben für andere übernimmt, der ist hier gut aufgehoben.

Gregor
Schiedsrichter Gregor Demmer hilft Spieler auf

Gregor während eines Spiels

Gibt es anschließend weitere Fortbildungen und wenn ja: Wie oft finden diese statt und wie sehen sie aus?

Es werden regelmäßig sogenannte Pflichtbelehrungen angeboten, von denen man sechs Stück besuchen muss. Diese Veranstaltungen kann man sich wie eine Mini-Vorlesung in lockerer Atmosphäre vorstellen. Dort bekommen wir Neuerungen im Regelwerk mitgeteilt und es werden aktuelle Anliegen erläutert. Wenn man Fragen hat oder Tipps braucht, kann man sie auch hier anbringen. Darüber hinaus wird die Kameradschaft unter Schiedsrichtern sehr großgeschrieben, sodass auch das ein oder andere gesellige Bier miteinander getrunken wird.

Darüber hinaus bietet unser Kreis auch Praxislehrgänge an. Diese sind spezifischer ausgelegt. So wurden beispielsweise Assistentenschulungen veranstaltet, um Schiedsrichter, die an der Tätigkeit als Assistent in den höheren Ligen interessiert sind, darin zu schulen.

Gregor

Was macht das Schiedsrichter-Sein für dich aus?

Ein älterer Schiedsrichterkollege hat mir hier mal etwas sehr Schönes gesagt: Jedes Fußballspiel ist wie eine Bergbesteigung. Du weißt am Anfang noch nicht so richtig, was auf dich zukommt, aber wenn du es erfolgreich meisterst, dann fühlst du dich wie der König der Welt. Manch junger Kollege vergleicht es auch mit einer Klausur in der Schule oder der Uni, aus der man mit einem guten Gefühl nach Hause fährt. Man fühlt sich nach einem erfolgreich geleiteten Spiel einfach gut. Es ist eine Mischung aus Stolz, Zufriedenheit und positiver Erschöpfung. Und das kann fast süchtig machen. Jeder kennt doch das Gefühl, wenn man etwas schafft, worüber man im Rückblick denkt: Krass, das hätte nicht jeder so hinbekommen!

Ich selbst empfinde die Leitung eines Fußballspiels auch als extrem gute Persönlichkeitsschule. Wer wirkliches Interesse daran hat, charakterlich zu wachsen, muss sich im Leben immer wieder Herausforderungen stellen. Und wenn man es schafft, 22 Menschen, die alle emotionalisiert sind und gewinnen möchten, im Rahmen der Regeln zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu bringen, dann ist man auch für andere Herausforderungen im Leben gewappnet.

Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, wird extrem geschärft und auch die Art und Weise, mit getroffenen Entscheidungen umzugehen, wird gefördert. Manch einer tut sich ja schon schwer, etwas von der Speisekarte auszuwählen… ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Schiedsrichter damit keine Probleme hat. Auch das “Verkaufen” von Entscheidungen ist ein extrem wichtiger Bestandteil. Man merkt schnell, in welchem Ton und mit welcher Körpersprache Entscheidungen besser und schlechter angenommen werden. Wer sich später einmal unter Menschen behaupten will, findet hier eine perfekte Möglichkeit, es zu trainieren.

Gregor

Was denkst du zum Thema Schiedsrichtermangel? Woran liegt das und was könnte man aus deiner Sicht dagegen tun?

Es gibt nicht den einen Grund, der dafür verantwortlich ist. Ich denke, dass es vielfältige Faktoren sind, die darauf Einfluss haben. Aber ich möchte einfach mal ein paar, die ich beobachten kann, herausnehmen. Es gibt in meinen Augen zwei Möglichkeiten, warum man Schiedsrichter wird: Zum einen, weil man es machen “muss” und zum anderen, weil man es machen will.

Ersteres passiert, wenn der Verein sein Schiedsrichter-Soll nicht erfüllt und dann zwanghaft aktiv wird und Leute dazu bewegt, den Lehrgang zu machen. Wenn jemand nicht von sich aus, sondern weil nachgeholfen wird, Schiedsrichter wird, dann fehlt einfach die Einstellung zu dem Thema. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich daraus auch ein guter Schiedsrichter hervortut, der lange pfeift, aber die Wahrscheinlichkeit ist in meinen Augen deutlich geringer.

Viel wichtiger sind aber die, die es wirklich werden wollen. Und hier sehe ich das größte Problem: Der Job des Schiedsrichters ist in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu nur mit negativen Dingen konnotiert. Gewalt, Beleidigungen, Einsamkeit, schlechte Bezahlung - was soll daran attraktiv sein beziehungsweise warum sollte sich jemand darauf einlassen? Immer weniger sehen die positiven Aspekte des Schiedsrichter-Daseins und das ist eines der Kernprobleme. Verbände, Vereine und vor allem auch die Medien müssen hervorheben, was das Besondere, das Positive an der Tätigkeit ist. Wir benötigen eine positive Wahrnehmung der Schiedsrichtertätigkeit. Zahlreiche Menschen suchen heutzutage nach sinnstiftenden und fordernden Aufgaben, die sie weiterbringen: Das wäre eine, die einen spürbar entwickelt.

Wenn wir immer nur über die negativen, “sensationsbehafteten” Aspekte sprechen, dann wird das auch immer stärker mit dem Job des Schiedsrichters in Verbindung gebracht. Diesen Spieß müssen wir umdrehen.

Gregor

Erinnerst du dich noch an dein erstes Spiel als Unparteiischer? Wie war es? Warst du nervös?

So richtig erinnere mich tatsächlich nicht mehr. Ich glaube, es war ein C-Jugend Testspiel in Tarforst. Es war bitterkalt und ja, ich war auch sehr nervös. Allerdings war es ein sehr faires Spiel ohne großen Druck, sodass es für mich ein sanfter Einstieg in die Tätigkeit war.

Gregor

Hast du schon einmal negative Erlebnisse als Schiedsrichter gehabt?

Es ist die Frage, was man als “negativ” bezeichnet. Ich habe mal einem Spieler fälschlicherweise die Rote Karte gezeigt, weil ich dachte, er hätte “Wichser” gesagt. Mir haben dann aber mehrere Spieler glaubhaft machen können – auch der vermeintlich Beleidigte – dass der Spieler “Sechser” gesagt hat. Es war ein sehr emotionaler Moment und ich stand allein mehreren großgewachsenen Spielern gegenüber, was sich im ersten Moment natürlich nicht gut anfühlt. Was ich da aber gemerkt habe, ist, dass man mit einer guten Kommunikation sowohl aktiv wie auch passiv solche Situationen gut meistern kann. Die Emotionen und die Energie zu lenken und zu managen ist extrem wichtig und das lernt man in solchen Situationen wirklich. Dementsprechend ist diese Situation nachträglich sehr positiv, weil sie mir in vielen anderen Situationen geholfen hat.

Ich könnte Zahlreiche von diesen Momenten aufzählen, die nach außen vielleicht “negativ” wirken, aber die für mich selbst genau zu dieser “Persönlichkeitsschule” gehören, die ich eben angesprochen habe. Es ist eine Frage, was man daraus macht. Wichtig ist vor allem, dass man sich in nichts reinreden lässt. Man muss die Einstellung haben, dass man an vermeintlich unangenehmen Situationen einfach wächst und sie einem für die Zukunft wertvolle Erfahrungen liefern.

Gregor

Was war dein schönster Moment als Unparteiischer?

Ein wirklich schöner Moment war, als ich nach Abpfiff vom Feld ging und einige Fans am Spielfeldrand für mich geklatscht haben und teilweise “Schiri, bester Mann heute” gerufen haben. Als Schiedsrichter ist man es gewohnt, dass es am besten ist, wenn nach dem Spiel keiner über einen spricht. Wenn über einen gesprochen wird, dann meistens die üblichen kritischen Dinge.

Dass aber die Fans einem seine Leistung derart positiv honorieren, das hat mich in dem Moment tatsächlich stolz gemacht. Ich kann keine schönen Tore schießen oder durch spektakuläre Paraden glänzen; meine Leistung ist nicht so sichtbar wie die der Spieler. Wenn die Menschen dennoch erkennen, dass das keine selbstverständliche Leistung war, dann freut einen das besonders.

Gregor

Was für ein Schiri bist du? Lässt du das Spiel lieber an der “langen Leine” oder greifst du direkt durch?

Ich glaube, dass ich ein sehr kommunikativer Schiedsrichter bin, der versucht, schon vor dem Spiel seine Linie bei den Spielern zu markieren. Schon in der Kabine vor dem Spiel merkt man, ob die Mannschaften angespannt sind oder ob sie tatsächlich “nur Fußball spielen wollen”, wie man so schön sagt. Davon mache ich auch abhängig, wie ich meine Ansprache dann wähle und die Spielleitung angehe. Es sind viele kleine Situationen, die zusammen die Richtung vorgeben: Stimmung beim Abklatschen, Reaktion auf die ersten Körperkontakte, Reaktion auf die ersten Pfiffe und vieles mehr. Merkt man, dass die Spieler sich nichts wollen und nur um den Ball kämpfen, dann gibt es für mich keinen Grund, härter als nötig einzuschreiten. Übertreiben es Spieler sehr schnell und bauschen Situationen künstlich auf, denn bin ich auch schneller zur Stelle, als manchem lieb ist.

Gregor

Deine ehrenamtliche Tätigkeit als Schiedsrichter ist eng mit der Entstehung von Vereinsticket verknüpft. Kannst du nochmal kurz schildern, wie es dazu kam?

Ganz konkret war es ein Gespräch nach einem Spiel, was den Anstoß dazu gab, expliziter darüber nachzudenken, Vereinen digitale Tools anzubieten. Ein Sportdezernent der Stadt Trier sagte mir im Gespräch in der dritten Halbzeit, dass es doch sinnvoll wäre, die Vereine, die sich wegen Corona für digitale Lösungen entscheiden, mit Tools auszustatten, die auch nach Corona noch Sinn machen würden. Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen und habe ihn daher gemeinsam mit Johannes zur Grundlage unserer Idee gemacht.

Darüber hinaus bekommt man als Schiedsrichter natürlich viele Vereine, ihre Menschen und ihre Strukturen zu Gesicht. Jedes Wochenende fährt man woanders hin und erfährt die Probleme und Herausforderungen. Da hat man ein gutes Gefühl dafür bekommen, wo der Schuh drückt und wie man auch helfen kann. Darum freue ich mich auch immer wieder, zu einem Spiel rauszufahren. Nicht nur, weil ich es leiten darf, sondern weil ich auch mitten im Geschehen bin und neuen Input für unsere Idee generieren kann.

Gregor

Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke ins Schiedsrichter-Dasein, lieber Gregor!

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