Blind im Stadion: T_Ohr lässt Fans mit den Ohren sehen
Am 15. Oktober 1999 wurde bei der Partie zwischen Bayer Leverkusen und dem SSV Ulm in der Fußball-Bundesliga erstmals eine Audio-Reportage für sehbehinderte Zuschauer:innen bei einer Sportveranstaltung angeboten. Rund 24 Jahre später sind Blinden-Reportagen mittlerweile bei fast allen Vereinen der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga vertreten und werden auch in vielen anderen Sportarten angeboten. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung trägt das Projekt “T_Ohr” der AWO Südwest.
Interview mit Florian Schneider
Unter dem Motto “mit den Ohren sehen” setzt T_Ohr nicht nur selbst Live-Blindenreportagen um, sondern schult auch Personen, Vereine und Kulturstätten im Umgang mit sehbehinderten Menschen. Wir haben mit dem T_Ohr-Projektleiter Florian Schneider über das Projekt gesprochen. Im Interview erklärt er unter anderem, was Blindenreportagen besonders macht, welche Sportarten er und sein Team begleiten und wie Sportvereine ihr Vereinsleben barrierefreier gestalten können.
Wer bist du und was machst du bei T_OHR?
Ich heiße Florian Schneider und bin seit 2018 Projektleiter von T_OHR. Meine Kernaufgaben sind die Beratung, die Betreuung und die Durchführung von Blindenreportagen in Kultur und Sport.
Wofür steht T_OHR?
T_OHR ist ein Wortspiel, es verbindet die Wörter Tor und Ohr miteinander. Wir bringen durch eine Blindenreportage quasi das Tor ins Ohr.
Was genau macht ihr?
Wir beschreiben für Blinde und Sehbehinderte im Stadion oder im Theater, was wir sehen und was passiert, um sie so teilhaben zu lassen. Wir übertragen quasi Sehbares in Hörbares und machen so Momente für jeden erlebbar. Darüber hinaus schulen und sensibilisieren wir rund um das Thema der Blindheit und Sehbehinderung und sorgen so für mehr Awareness in der Gesellschaft.
Wie unterscheiden sich Reportagen für Blinde vom gängigen Fernseh- oder Radiokommentar?
Der Fernsehkommentator begleitet die Fernsehbilder mit seinem Kommentar und spricht nicht durchgängig. Zudem beschreibt er die Aktionen nicht, sondern kommentiert und gibt viele weiterführende Informationen, welche nichts mit dem Spielgeschehen zu tun haben, wie zum Beispiel, bei welchem Verein der Spieler zuvor war. Das Ziel dabei ist, die Zuschauer*innen mit rhetorischen Mitteln zu unterhalten. Der Radiokommentar beschreibt mehr als der Fernsehkommentar, ist oft wertend und teilweise nicht auf Ballhöhe. Die audiodeskriptive Live-Reportage ist immer auf Ballhöhe, verortet und ist nah am Spielgeschehen, sodass der/die Zuhörende immer weiß, was gerade auf dem Feld (oder auf der Bühne) passiert. Der/die Reportierende beschreibt in Echtzeit detailliert und objektiv.
Welche Sportarten begleitet ihr?
Fußball, Handball, Eishockey, Basketball, Rollstuhlbasketball und Blindentennis haben wir zuletzt begleitet. In den letzten 5 Jahren durften wir schon viele Events begleiten. Dazu zählen auch Nischensportarten wie Headis und darüber hinaus Events wie Drachenbootrennen oder Rosenmontagsumzüge. Generell sollte es bei allen Sportarten eine Teilhabe für blinde und sehbehinderte Menschen geben, getreu unserem Motto, blinde und sehbehinderte Menschen sollen in Zukunft nicht mehr fragen müssen, ob sie teilhaben können, sondern ob sie teilhaben wollen.
Gibt es Sportarten oder Veranstaltungen, die besonders schwer zu beschreiben sind?
Schnelle Sportarten sind eine Herausforderung, die wir aber gern meistern und bislang auch immer hinbekommen haben. Als Beispiele zu nennen sind hier Tischtennis oder Breakdance.
Wie ist das Projekt T_OHR entstanden?
Die Idee zum Projekt stammt von Jörg Rodenbüsch, stellv. Geschäftsführer der AWO Südwest gGmbH, welcher mehr Teilhabe für blinde Menschen ermöglichen wollte und schon ein 3 jähriges Vorläuferprojekt verantwortete. In diesem lag der Fokus allerdings zunächst auf mehr Teilhabe im Fußball. Die positiven Erfahrungen aus diesem Projekt gingen in die Projektidee und auch in die Umsetzung von T_OHR über. Bei welchem der Fokus auf weiteren Sportarten und den Kulturbereich gelegt wurde. Die Umsetzung wurde stark von der Aktion Mensch und der DFL Stiftung gefördert.
Mittlerweile seid ihr ja schon seit knapp fünf Jahren aktiv. Was hat sich seitdem getan?
Exemplarisch kann man hier unsere Präsenz auf der Sight City (weltweit größte Messe für Sehbehinderten- und Blindenbedarf) anführen. Zu Beginn des Projektes 2018 mussten wir den meisten Besucher*innen unseres Standes erklären, was Blindenreportage ist. Im Mai 2023 waren wir wieder auf der SightCity – Aufklärungsarbeit mussten wir kaum noch leisten. Im Gegenteil, uns wurde von vielen Leuten berichtet, dass sie schon eine Blindenreportage selbst erlebt haben oder jetzt regelmäßig besuchen.
Wie sind die Rückmeldungen zu eurem Projekt? Sowohl von Personen mit Sehbehinderung, aber auch von Vereinen und Außenstehenden?
Wir erhalten viele Anfragen und sind in vielen Projekten mittlerweile eingebunden und konnten unsere Personalstruktur ausbauen, um noch mehr Teilhabe zu ermöglichen. Gerade mit der Zielgruppe sind wir im engen Austausch, um die richtigen Angebote schaffen zu können. Wir werden da aktiv, wo Bedarf besteht.
Was würdet ihr Sportvereinen empfehlen, die ihr Vereinsleben barrierefreier gestalten wollen?
Zunächst einmal einen engen Austausch mit der Zielgruppe, sowie eigenständiges und authentisches Interesse an Barrierefreiheit und den Themen der Betroffenen an sich. Hierfür gibt es Grundlagen-Schulungen und Sensibilisierungen. Infolgedessen kann man den Bedarf und die Defizite im eigenen Verein besser einschätzen und Entscheidungen treffen.
Welche sind die gängigsten Hürden, auf die Personen mit Sehbehinderung im Sportverein stoßen?
Das fängt schon bei der Homepage an, welche nicht barrierefrei ist, geht über fehlende oder fehlerhafte Leitstreifen bis hin zu fehlender Blindenreportage. Angebote können und müssen mehr geschaffen werden.
Welche Ziele habt ihr mit eurem Projekt für die Zukunft?
Wir wollen unser Ziel, dass sich blinde- und sehbehinderte Menschen in Zukunft nicht mehr fragen müssen, ob sie teilnehmen können, sondern ob sie teilhaben wollen, weiter in die Tat umsetzen. Das bedeutet, dass wir noch breiter in der Gesellschaft live-audiodeskriptive Berichterstattung etablieren, zum Beispiel im Kultur-Bereich. Wir wollen hier Qualitätsstandards etablieren.
Vereinsbedarf in eurem Look
Ob Banner, Liegestühle, Trinkflaschen, Ausstattung fürs Vereinsheim oder Fanartikel: Gestaltet Produkte direkt in euren Vereinsfarben und stärkt den Wiedererkennungswert eures Vereins.