Fußball 2050 – 5 Thesen zur Zukunft des Sports
Wie sieht der Fußball der Zukunft aus? Angesichts ständiger Regeldiskussionen, steigender Ablösesummen und fortschreitender technischer Möglichkeiten, hat sich wohl jede:r Spieler:in und jeder Fan diese Frage schon einmal gestellt. Einen Erklärungsversuch haben 2020 Stefan Bader und Werner Grabherr geliefert.
Gemeinsam mit 29 Expert:innen aus der Welt des Sports haben die beiden probiert, einen Ausblick zu geben, wie sich der Fußball in den verschiedensten Bereichen bis 2050 entwickeln könnte. Unter den Befragten waren dabei unter anderem TV-Experte und Ex-Fußballprofi Ralph Gunesch, Hoffenheims Geschäftsführer Dr. Peter Görlich, der ehemalige Generalsekretär der European Leagues Georg Pangl und einige mehr.
Veränderungen in den letzten Jahren
Schaut man sich an, wie sehr sich der Fußball in den vergangenen Jahren verändert hat, dann sieht man bereits, wie schwer es ist, Vorhersagen zur Zukunft des Fußballs aufzustellen. Denn vieles von dem, was heute für uns im Fußball normal ist, war noch vor 10 bis 15 Jahren in weiter Ferne:
Sei es, dass Fußballspiele via Internet gestreamt und jederzeit wieder abgerufen werden können, dass mittlerweile standardmäßig Torlinientechnik und der Videobeweis eingesetzt werden oder aber auch die extreme Entwicklung der Transfersummen im Fußball. Wenn sich in den vergangenen Jahren ein Trend abgezeichnet hat, dann der, dass Veränderungen heutzutage immer schneller vonstattengehen als noch vor einigen Jahren.
Dementsprechend ist die Bandbreite dessen, was sich bis 2050 tatsächlich verändern könnte, absolut gigantisch. Im Folgenden wollen wir jedoch vorstellen, wie sich – laut des Reports 2050 – fünf Aspekte des Fußballs bis 2050 verändern könnten.
1.) Hologram-Fußball und VR-Brillen: Das Stadionerlebnis im Jahr 2050
Bis 2050 werden Arenen immer digitaler werden, um so das Stadionerlebnis attraktiver zu machen. Beispielsweise indem Echtzeit-Informationen zum Spiel direkt auf das Handy der Stadionbesucher:innen übertragen werden oder vermehrt auf Videowalls angezeigt werden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Fans das Spiel über AR-Brillen verfolgen könnten, die ihnen neben dem Spiel selbst relevante Statistiken anzeigen.
Über Holografie könnten Spiele in mehreren Stadien gleichzeitig “übertragen” und zu anderen Zeitpunkten wiederholt werden. Das würde Vereinen eine neue Einnahmequelle bieten. Vergleichbare Hologramprojekte gibt es bereits heute: ABBA hat beispielsweise seit vergangenem Jahr “Hologram-Konzerte" in einer eigens dafür gebauten Arena in London.
Auch im Fußball existieren solche Pläne bereits länger. Schon als sich Japan im Jahr 2010 für die Austragung der Fußball-WM 2022 beworben hat, hatten sie in ihrer Bewerbung die Idee, die Spiele für die Fans in Hologramm-Form zu reproduzieren. Und auch in diesem Artikel von Welt.de aus dem Jahr 2014 wurde bereits die Idee, dass Spiele weltweit in den Stadien als Hologramme übertragen werden, als Zukunftsaussicht dargestellt.
2.) Mittendrin statt nur dabei: So wird Fußball 2050 von daheim verfolgt
Auch das Verfolgen von Fußballspielen in den eigenen 4 Wänden wird sich laut Einschätzung des Reports bis 2050 deutlich verändern: Bis dahin könnte etwa auch der Geruch aus dem Stadion simuliert werden und selbst der Tastsinn könnte theoretisch über haptische Anzüge wie den sogenannten Teslasuit angesprochen werden. Dies ist bereits heutzutage möglich, allerdings noch derart teuer, dass es für den Alltag noch uninteressant ist.
Zusätzlich wird es laut Meinung der Experten bis 2050 durch kleinere und unauffälligere Kameras möglich sein, immer näher in die Situation auf dem Platz einzutauchen. Etwa indem die Spieler:innen mit Kameras ausgestattet werden, die den Zuschauenden die eigene Perspektive auf das Spiel zeigt. VR-Brillen könnten diese Erfahrung noch realistischer machen.
Dies wird bereits seit einigen Jahren immer wieder vereinzelt in Testspielen probeweise eingesetzt. In Pflichtspielen haben sich die Bodycams bislang jedoch noch nicht durchgesetzt.
3.) Spielintelligenz per VR-Brille: Fußballtraining im Jahr 2050
Während heute noch die physische Leistungsfähigkeit und vor allem die regenerativen Fähigkeiten das Maß aller Dinge für Fußballer:innen sind, wird sich in der Zukunft der Fokus in Richtung der kognitiven Fähigkeiten verschieben. Hintergrund dessen ist, dass bis dahin die physische Leistungsfähigkeit bei Spieler:innen generell auf einem derart hohen Level sein wird, dass sie sich in dieser Hinsicht immer weniger voneinander unterscheiden.
Dank virtueller Realität könnten die Spieler:innen zukünftig nicht nur Spielsituationen erneut sehen, sondern auch durch Veränderungen der Datenpunkte alternative Lösungsmöglichkeiten angezeigt bekommen und diese selbst durchleben. So können Spielsituationen noch gezielter und individueller trainiert werden.
Die Trainingssteuerung wird zudem bis 2050 noch ausgereifter sein, weil Gesundheitsdaten zu den Spieler:innen noch genauer und noch einfacher gemessen werden können. Beispielsweise könnten über Mikrochips Tag und Nacht Gesundheitsdaten aufgezeichnet werden.
Die Nutzung von Mikrochips ist beispielsweise in Schweden bereits seit einigen Jahren recht verbreitet. Im Zuge der Corona-Pandemie haben sich beispielsweise in Schweden einige Menschen ihren Impfpass als Mikrochip unter die Haut implantieren lassen. Und auch im Sportkontext wird die Nutzung von Mikrochips schon seit einigen Jahren immer wieder diskutiert.
4.) Personenkult statt Vereinsliebe? Fußballfans im Jahr 2050
Schon heute zeichnet sich ein starker Trend unter Fußballfans ab, dass der Fokus sich weg von Vereinen hin zu einzelnen Spieler:innen schiebt. Lionel Messi hat beispielsweise auf Instagram mehr als doppelt so viele Follower als alle Vereine, bei denen er jemals gespielt hat, zusammen. Gerade Messis letzter Wechsel in die MLS zu Inter Miami hat gezeigt, wie weit schon heute der Hype um einzelne Spieler fortgeschritten ist:
Die Instagram-Follower des Teams sind seit dem Wechsel von 900.000 auf 15,2 Millionen gestiegen, die Trikots von Inter Miami mit Messis Rückennummer verkaufen sich so stark, dass bereits alte Trikots aus der Saison 2020 verwendet werden müssen, da die aktuelleren Trikots alle ausverkauft sind und die Ticketpreise haben sich mehr als verfünffacht.
Dies wird sich nach Ansicht der Expert:innen aus dem Report auch in Zukunft - zumindest mal bei den Spitzenklubs - fortsetzen. Daher werden sich auf kurz oder lang wohl auch Dinge wie All-Star-Spiele, die es schon heute in den USA gibt, flächendeckend durchsetzen.
Gleichzeitig wird in dem Report jedoch von einer polarisierten Entwicklung ausgegangen: Auf der einen Seite wird es bis 2050 eine weltweite Global League geben, in der die besten Teams mit den Top-Stars aktiv sein werden und wo nicht die Vereine, sondern die Top-Spieler:innen die Stars sind. Auf regionalerer Ebene hingegen wird das Gegenteil der Fall sein und die Identifikation mit dem Verein selbst wird hier wieder an Bedeutung gewinnen.
5.) Fall und Wiederaufstieg des Vereinssports
Auch wenn die Mitgliederzahlen des DFB nach wie vor ansteigen, ist die Anzahl an gemeldeten Mannschaften seit 2014 um knapp 30.000 zurückgegangen. Zwar sind in den letzten 2 Jahren die Zahlen an Mannschaften noch einmal angestiegen, dies ist jedoch wohl eher auf das Wegfallen der Corona-Maßnahmen zurückzuführen und dürfte sich daher nicht längerfristig fortsetzen.
| Jahr | Mitglieder | Aktive Mannschaften |
|---|---|---|
| 2014 | 6.851.000 | 164.400 |
| 2015 | 6.889.000 | 161.700 |
| 2016 | 6.969.000 | 159.600 |
| 2017 | 7.044.000 | 157.300 |
| 2018 | 7.090.000 | 154.900 |
| 2019 | 7.132.000 | 150.000 |
| 2020 | 7.169.000 | 145.000 |
| 2021 | 7.064.000 | 126.000 |
| 2022 | 7.171.000 | 127.900 |
| 2023 | 7.365.000 | 135.300 |
Nach Einschätzung der Expert:innen (Wichtig: der Report wurde 2020 und damit noch während der Corona-Einschränkungen verfasst) wird es daher in den kommenden Jahren zu einem weiteren Rückgang an aktiven Mannschaften kommen. Früher oder später prognostizieren sie jedoch auch einen Umkehrpunkt, da der zunehmende Trend der Individualisierung früher oder später auch zu einer Einsamkeit führen wird. Dies wiederum wird zur Folge haben, dass sich wieder mehr Leute aus sozialen Gründen bei Sport- und damit auch bei Fußballvereinen anmelden werden.
Ein ähnliches Phänomen könnte auch für den Zuwachs an aktiven Mannschaften in den letzten 2 Jahren verantwortlich sein. Da die Menschen durch die Corona-Einschränkungen und die damit verbundene soziale Isolation gemerkt haben, welchen Wert soziale Gebilde wie (Sport-)Vereine für ihr Leben haben. Gleichzeitig muss man jedoch sagen, dass der Zuwachs an Mannschaften bislang auch noch überschaubar ist und die Anzahl an aktiven Mannschaften nach wie vor deutlich unter der Zahl vor der Pandemie liegt. Insofern ist auch denkbar, dass es sich bei diesem Zuwachs nicht um einen wirklichen Trend handelt, sondern lediglich, diejenigen zurückkommen, die während der Pandemie aufgehört haben, aktiv zu spielen.
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